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Angela Merkel besuchte im Dezember 2016 anläßlich einer CDU-Regionalkonferenz Jena. Neben Hunderten handverlesener klatschender Parteifreunde lasen ihr einige schlecht kontrollierbare Mitglieder des örtlichen Kreisverbandes die Leviten. Das sollte nicht noch einmal passieren. Da half auch die private örtliche Presse aus und erlebte völlig anderes als Beobachter wie Robin Alexander.

„Der Generalsekretär des Zentralkommitees der SED und Vorsitzende des Staatsrates, Genosse Erich Honecker, besuchte gestern die Saalestadt Jena……“

Die „Ostthüringer Zeitung“ (OTZ) hatte zu DDR-Zeiten einen Vorläufer, der „Volkswacht“ hieß. Einige gelernte thüringische DDR-Bürger hatten am Mittwoch ein Déja-vu. Die OTZ und der Mitteldeutsche Rundfunk hatten einen „Bürgerdialog“ organisiert, für den sich etwa 400 Leser beworben hatten. Tun die kriselnden Massenmedien, vor allem mit öffentlich-rechtlicher Beteiligung, so etwas, ist eine Kanzlerinnen-Show vorprogrammiert. Und so las sich denn auch der Bericht in der OTZ, ganz im Gegensatz zu Robin Alexanders Bericht in der Welt.

Auf dem Titel des Blattes der Funke-Mediengruppe zunächst ein kleiner Lichtblick: Der Redakteur schrieb, dass Angela Dorothea Merkel (ADM) ganz un-bodenständig und klima-ungerecht mit dem Hubschrauber angekommen und dann mit einer Riesenlimousine zu einem extra für sie mediengerecht umgebauten alten Umspannwerk chauffiert worden sei. Das Gebäude wurde schon einen Tag vor ihrer Ankunft zu einem Hochsicherheitstrakt mit Gepäckscanner wie am Flughafen. (Warum? Was befürchtete man?)

Im Artikel dann aber lauter Sehr-Jubelstimmen teilnehmender Bürger:

„Die Veranstaltung war mich sehr aufschlussreich. Die BK wirkte sehr sympathisch und hat Bürgernähe gezeigt. [.. ] Aber sie hat sehr spontan reagiert, sehr diplomatisch geantwortet und sich nicht in die Ecke drängen lassen.“ (sehr-Studentin, 29)

„Die Kanzlerin war sehr positiv und optimistisch.“ (Studentin, 23)

„Es hat mich gefreut, die Frau BK kennen zu lernen. Sie hat das sehr souverän, sehr ruhig gemacht.“ (Kraftfahrer, 57)

„Mein Eindruck ist sehr positiv. Ich finde den Job, den die Kanzlerin macht, bewundernswert. Sie hat sich natürlich und souverän den Fragen gestellt.“ (Personalleiterin, 37)

Im Text wurden Fragen zu den wirklich wichtigen Themen Massenimmigration und Pflege kurz berührt, meist aber für Merkel ungefährliche Fragen zur Autobahnmaut und sogar zur Agrarpolitik (!) behandelt. So lautet die Überschrift auf dem Titelblatt:

„Merkel in Jena. Maut kommt bis 2021.“

Die Fotos der OTZ zeigen mehrmals die Kanzlerin beim trauten Gespräch inmitten lächelnder Bürger*innen. Daß sich ADM vor der Fragerunde lediglich kurz zwischen die Bürger setzte, damit schöne Fotos gemacht werden konnten, verschwieg die OTZ. Tatsächlich stand ADM an einem Pult in der Mitte des Raumes und nahm die Fragen der Untertanen entgegen.

Die seltsame Vorbereitungsrunde, „Workshop“ genannt, fanden die Journalisten auch nicht kritisierenswert, obwohl dort die Fragen der Teilnehmer schon einmal aufgeschrieben wurden. Satte zwei Stunden dauerte das Ganze. Ein Augenzeuge meinte, im „Workshop“ seien einige Bürger noch recht aggressiv gewesen, hätten dann beim Anblick der Regierungschefin „vorsichtig“ formuliert. Wurden die Bürger*innen von den Journalisten instruiert; wurde ihnen gedroht, sie dürften nicht fragen, wenn sie zu kritisch seien? Wir wissen es nicht.

Der Kommentar der OTZ zur Bürgerdialog-Show fiel natürlich aus wie der ganze Rest des Jubel-Artikels:

„…Bürgerdialog auf hohem Niveau mit Bundeskanzlerin Angela Merkel […] Kanzlerin Merkel zeigte sich nah am Bürger, launig selbst bei komplexen Themen, aber nicht beliebig. Ihre Mixtur aus selbstkritischer Demut [sic!!!!!!] und aufklärendem Beharren auf eigenen Positionen kam gut an.“

Nun denn, Genossen*innen von der Volkswacht, vorwärts immer, rückwärts nimmer. So geht Journalismus nicht. Vielleicht sinken die Verkaufszahlen nun noch stärker. Wundern wird es wohl Niemanden, der denken kann.

Ein Schmankerl noch: In derselben Ausgabe der OTZ ist von erstarkendem Antisemitismus in Deutschland die Rede. Überschrift:

„Der Osten und der Juden-Haß“

Die unmoralischen Zonis, die ja schon den Sozialismus verraten haben, seien also die Ober-Antisemiten im Lande. Seltsam nur, daß Berlin der Schwerpunkt der Angriffe auf Juden ist, wie man im Artikel lesen kann. Und da wohnt wer…? Der Journalist erwähnt zwar den Gürtelschläger vom Prenzlauer Berg und über die „81% Opfer“, die angeben, von Mohammedanern attackiert worden zu sein. Von den arabischen Demos vorm Brandenburger Tor und von den angezündeten Moscheen („Aufstand der Anständigen“) weiß er indes nichts zu berichten. Hauptsache, der „braune Schandfleck“ Sachsen, oder gleich der ganze Osten, kann diffamiert werden.

* alle Geschlechter… Sie wissen schon

 

 

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