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Nur mal schnell einen Kaffee holen. Nur mal in ein Auto steigen. Nur eine Elfjährige sein, die in Stockholm am falschen Ende einer Straße steht. Nur mal kurz einen Selfie machen auf der London Bridge oder eine Konzerthalle besuchen.

Von Young German

Mir scheint, dass in den letzten Jahren der Tod, vor allem der gewaltsame und plötzliche Tod, eine dominantere Rolle in meiner Wahrnehmung spielt. Europäische Realität im Jahre 2018 heißt, dass es mittlerweile jeden völlig überraschend treffen kann. Nicht der Blitzschlag oder der Herzinfarkt, sondern das Messer in der Kehle, einen Ast am Hals und die andere Hand unter dem Rock oder an der Brieftasche. Und noch bevor der Körper ganz erschlafft ist und erkaltet ist, geht das Leben schon weiter in Regenbogen Lala Land. Der Grundtenor ist dann in etwa so: «Wir machen weiter!» oder «Unsere Laune lassen wir uns doch dadurch nicht verderben!»  – nur nichts ändern am eigenen Verhalten, denn die Feier muss weitergehen. Lala, lalala. Wenn ich mir die Augen zuhalte, bin ich unsichtbar und kann gefahrenfrei durch den dunklen Wald gehen, der voller Monster ist. Denn wenn ich die Gefahren nicht sehen kann, können sie mich auch nicht sehen! Kindliche Logik für kindliche Erwachsene, die nach Bataclan und Charlie Hebdo «We are the world» singen und am  «Wein trinken gegen RECHTS!» teilnehmen. Postmoderne bedeutet nichts anderes als die totale Infantilisierung der Einwohner dieser geistigen Wüste.

Eine Studie will herausgefunden haben, dass bei «Rechten» die rechte Hälfte der Amygdala im Gehirn stärker ausgeprägt ist. Der Teil unseres Denkzentrums, der uns vor Gefahren warnt, Angst auslösen kann und dementsprechend eine evolutionäre, ja lebenswichtige Funktion einnimmt. Bei Linken bzw. Liberalen ist sie zumeist verkümmert. Damit habe ich endlich ein gutes, wissenschaftliches Argument dafür entdeckt, warum die meisten Menschen in Westeuropa fast schon freudig lachend in die Kreissäge rennen, selbst bei erdrückender Beweislast noch die Gefahren leugnen und einfach anders denken, als wir.

Was Melanie Rehberger angeht, die von einem Bulgaren brutal ermordet und vermutlich auch vergewaltigt wurde, fällt mir nicht mehr viel ein. Es hätte auch meine Freundin sein können, die da kurz in ihrer Mittagspause ihren Kaffee holt. Mit ihren blonden Haaren und dem schmalen Mund erinnert sie mich auch an alte Lieben, die bald in das selbe Alter kommen dürften. 30 ist keine Zeit, um abzugehen.

Dem Mörder, der in Spanien auf der Flucht gefasst wurde, wünsche ich die Pest an den Hals und er möge jede Nacht wach liegen und keine Ruhe finden in dem Gedanken, dass er nicht nur ein junges Mädchen tötete, sondern auch ihre Familie damit zerstörte. Ihre Eltern sterben ihren eigenen Tod, sterben innerlich mit ihrer Tochter mit. Auch die Freunde und vielleicht die anderen Verwandten leiden darunter. Das hat Auswirkungen auf das ganze Umfeld, das ganze Dorf und die ganze Gemeinde, aus der ein Mensch stammt. Wenn Melanies Freunde an dem Haus ihrer verstorbenen Freundin vorbeigehen, dann werden sie an sie denken müssen und dann längere Zeit brauchen, um wieder echt und ehrlich zu lächeln. Wenn man an den Ort eines Geschehens tritt, wo man jemanden verloren hat, lebt man für einige zeitlose Momente wieder den Vorabend des Unglücks, denkt an die letzten Worte, die man mit dem Menschen gewechselt hat.

«Wer einen Menschen tötet, der handelt so, als hätte er die ganze Welt getötet.»

Worte aus dem Koran, welche vielleicht den einzig guten Satz bilden, den dieses Buch für mich zu bieten hat.

Wandere aus, solange es noch geht!
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